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Bienvenido a Guadalupe!
Fast alle Erfahrungsberichte fangen in Quito bei den liebenswerten Proanos an. So auch meiner.
Bei ihnen lernte ich Kerstin, Technikerin aus Wien, kennen, die schon am nächsten Morgen nach Guadalupe weiterreiste und mit der ich dann später zwei Wochen supergut zusammenarbeitete. Ich blieb eine ganze Woche in Quito, hab vormittags in einem Sprachkurs meine rudimentären Spanisch-Kenntnisse etwas aufgebessert und nachmittags Quito und Umgebung erkundet.
Am Ende der Woche bin ich dann runter nach Guadalupe – die abenteuerlichste Fahrt meines bisherigen Lebens, keineswegs gefährlich, nur sehr sehr spannend, weil zwar die einzelnen Stationen (auf der homepage unter Mitarbeit, Reiseroute in Ecuador) bekannt waren, aber vieles doch unwägbar war, gesucht und erfragt werden musste. So war z.B. die Brücke über den Rio Zamora bei La Saquea wegen Bauarbeiten für Fahrzeuge gesperrt, also: vor der Brücke Fahrtende, Gepäck zusammensuchen, damit über die Brücke, neuen Bus Richtung Yacuambi suchen (nicht nach Yantzaza!) und nicht glauben, es gäbe so ein Haltestellenschild mit Zielort und Abfahrtszeiten! Aber egal wo ich war, ich kam immer schnell mit den Einheimischen ins Gespräch und habe so viele liebe Leute kennen gelernt, die mir weitergeholfen haben – mir wird immer noch ganz warm ums Herz, wenn ich mich erinnere.
Ich bin also nach etwa 9 Std. (der Flieger nach Catamayo hatte in Quito schon über 2 Stunden Verspätung, keine Ahnung, warum) glücklich in der Mission angekommen, nach einem Gang über die sagenhafte Hängebrücke über den Rio Yacuambi, die das Missionsgelände mit dem Örtchen Guadalupe verbindet (man stelle sich vor: eine ca. 95m weit gespannte, schwankende Brücke, über die vor ein paar Jahren alle Materialien für den Bau von Kirche, Klinik und aller übrigen Häuser getragen wurden!). Leider konnte ich Georg nicht kennen lernen; er war während meines Aufenthalts in den USA, und ebenso bedauere ich, dass die hermanas schon nach eineinhalb Wochen die Mission verließen, um sich in Quito mit ihren anderen Ordensschwestern zu treffen. So waren wir in meiner letzten Woche in kleinster Besetzung in der Klinik: allen voran die unermüdliche und unersetzliche Armanda, Sigrun, die junge Zahnärztin aus Deutschland, Kristin, die Internistin aus den USA, Rita in der Aufnahme/Apotheke, Lida als Assistenz für Sigrun und Zoila, die lecker für uns gekocht hat.
Die drei Wochen, die ich in Guadalupe verbracht habe, haben mir sehr gefallen. Über die Mission, die Landschaft, die Menschen dort, den Klinikalltag, das Labor lässt sich im Erfahrungsbericht von Hadelinde Thrun ausführlich nachlesen, das möchte ich hier nicht wiederholen. Auch wenn es natürlich Unterschiede auf Grund der Dauer des Aufenthalts und der Besetzung der Klinik gibt, die Begeisterung für dieses Projekt teile ich (wohl nicht nur) mit Hadelinde!
Was mich darüber hinaus noch sehr beeindruckte: die Ruhe, die nachts nur vom Grillenzirpen, Froschgequake und Vogelschrei begleitet wird, die Vielzahl der Insekten- und Vogelarten (man glaubte kaum, dass das ein Insekt ist, das da nachts am Fenster hängt, so merkwürdig der „Stachelfriedrich“ - von Sigrun so getauft). Wunderschöne Schmetterlinge und Vögel in allen Größen und bunt schillernden Farben, morgens beim Frühstück auf der Terrasse die Vögel mit dem ritzegelben Bauch, klitzekleine Schwalben unterm Dach, sogar einen Kolibri hab ich gesehen...... unglaublich, was da alles kreucht und fleucht. Und der Sternenhimmel mit Milchstraße! So schön und nah hab ich die Sterne nur in Guadalupe funkeln sehn! Also, lieber Leser: NIX WIE HIN!!!
Zum Schluss noch ein paar praktische Tipps, die ich gerne weitergeben möchte:
Probleme gabs mit dem Übergepäck - Klinikmaterial, das Dr. Piero mir zugeschickt hatte und Labormaterial, das ich bei hiesigen Firmen (VITA, DeguDent und Merz-Dental) sammeln konnte. Lufthansa hat meine Bitte um kostenfreie Beförderung abgeschlagen, so dass 30kg Übergepäck 900 € gekostet hätten! So hab ich einen 20kg schweren Koffer einige Tage vor meinem Abflug bei der hiesigen Post für 82€ aufgegeben, der dann mit DHL auch tatsächlich nach 3 Wochen unter großem Jubel in der Klinik ankam. Beim Einchecken musste ich 3 Flaschen KaVo-Pflegespray für Hand- und Winkelstücke aus dem Gepäck entfernen; das Gefahrenzeichen „hochentzündlich“ (das übrigens auch auf jeder Haarspraydose prangt) war der Anlass zur Besorgnis. Ich hatte dann noch 3 kg über die erlaubten 20kg, musste aber nur 1kg, also 30€ bezahlen. So was find ich total ärgerlich, besonders wenn ich bedenke, dass ich selbst gut 15kg mehr wiegen könnte, ohne fett zu sein! (Von Winfried Dannenberg, den ich vor meiner Heimreise noch in Quito getroffen hab, hab ich gehört, dass er zwar auch seinen Schaff hatte mit Spenden-Übergepäck, letztendlich aber 10 kg kostenfrei mitnehmen konnte.) Also: die Fluglinien regeln sehr unterschiedlich; am besten frühzeitig versuchen, einen Spenden-Deal zu machen, am besten schriftlich, solange vom Förderverein keine Sponsoren in diesem Bereich gefunden sind. Oder den Weg mit DHL nutzen.
Das Labor war zur Zeit meiner Abreise mit Frontzahngarnituren gut ausgestattet. Es wäre sicher nicht verkehrt, nicht zu große Seitenzahngarnituren in A2, A3, B2 und B3 mitzunehmen – da waren nur noch Reste. Und sehr hilfreich war die Tatsache, dass mich Wolfgang Müller von „Maintaler Zahntechnik“ mit Silikon und Härter ausgestattet hat (vielen Dank, lieber Wolfgang!) – das alte Material ist überlagert und Gipsvorwälle sind nicht so der Hit!
Leider konnte ich natürlich in der Kürze der Zeit nicht so viele Ausflüge machen und hab relativ wenig vom Land gesehen. Aber das, was ich gesehen habe, lässt mich wünschen, eines Tages dieses wunderbare Land ausführlich zu bereisen und auch noch einmal in der Clínica Misional „Nuestra Senora de Guadalupe“ mitzuarbeiten.
September 2006
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Bienvenidos al EcuadorZahntechnische „Entwicklungshilfe“ in einer Missionsklinik – ein ReiseberichtWer davon träumt, in ferne Länder zu reisen, fremde Menschen und Kulturen kennen zu lernen und seinen Alltag für eine Zeit ganz hinter sich zu lassen, um ganz neue Erfahrungen zu machen, wer seine Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst einer guten Sache stellen möchte und als Zahntechniker abseits von Hektik und Stress eine solide und saubere Kunststoffprothetik für bedürftige Menschen herstellen und mit einem strahlenden Lächeln belohnt werden möchte, der hat so etwa die Wünsche, die ich mir im letzten Sommer erfüllt habe, in dem ich nach Ecuador reiste und dort 3 Wochen in der Missionsklinik „Nuestra Señora de Guadalupe“ mitarbeitete. Mittlerweile hat zwar schon das Ehepaar Wachendorf im dental-labor Heft 8/2006 über seinen 7-wöchigen Einsatz in der Klinik berichtet, trotzdem möchte ich gerne meine Eindrücke vermitteln, denn auch nach einem Jahr ist meine Begeisterung für dieses Land und seine Menschen und für dieses Projekt noch so groß, dass ich Sie damit anstecken möchte. Seit fast 20 Jahren bin ich aufmerksame Leserin des dental-labor und konnte viele interessante und informative Artikel für meine Tätigkeit als Fachlehrerin für Zahntechnik-Auszubildende an der Bergiusschule in Frankfurt am Main nutzen. In der Mai-Ausgabe 2005 sprang mir ein Artikel mit der Überschrift „Große Nachfrage nach Placas“ ins Auge, einem Bericht über eine Missionsklinik in Ecuador, über die Armut und die unzureichende medizinische und prothetische Versorgung der dortigen Bevölkerung und einer Einladung an Zahntechniker, im Labor der Klinik zu arbeiten. Ich war mehr als beeindruckt und wusste sofort, dass das mein Ding wird. Nach einer schlaflosen Nacht nahm ich Kontakt zum Verfasser ZA Marcel Zöllner auf, der meine Bedenken (nach 18 Jahren Schuldienst sind die Fertigkeiten aus 12 Jahren Labor-Alltag doch nicht mehr präsent!) weitgehend zerstreute. Mein Einsatz wurde für den Sommer 06 geplant, ich wurde Mitglied im zahnmedizinisch/ zahntechnischen Förderverein FCSM e.V. und hatte ein Jahr Zeit, die Reise vorzubereiten. Die Reisevorbereitungen Spanisch lernen – ohne Sprachkenntnisse kann man sich zwar irgendwie durchwurschteln, das ist doch aber nur der halbe Spass, oder?
Frühzeitige Buchung der Flüge nach Quito und zurück – je kurzfristiger die Buchung umso teurer
Die wichtigsten Impfungen wie Polio/Diphterie/Tetanus, Typhus, Hepatitis A+B
Klammern biegen üben, das war für mich ein Muss (s.o.)
Spenden sammeln, vor allem Zahngarnituren (von Merz Dental, Vita und Degudent, vielen Dank noch einmal den Spendern!). Wenn Sie sich engagieren wollen, unbedingt bei Herrn Wachendorff, dem für Material zuständigen Vorstandsmitglied des Fördervereins kundig machen, damit nur wirklich Benötigtes auf Reisen geht! Die Reise nach Quito In den letzten Sommerferien machte ich mich also dann auf den Weg. Der Flug mit Lufthansa ging morgens 10.35 ab Frankfurt am Main nach Caracas in Venezuela und von dort mit Santa Barbara Airlines mit Zwischenstopp in Guayaquil nach Quito. Ich kam mit allem prima zurecht und fiel gegen 20.30 (7 Stunden Zeitverschiebung, in Deutschland war es also schon halb vier nachts!) mit (!!!) Gepäck in Quito in ein Taxi, das mich zu den Proaños brachte. Mercedes und Ernesto sind für die Mitarbeiter der Missionsklinik die erste Auffangstation in Quito und man wird von ihnen aufs herzlichste willkommen geheissen. In ihrem Haus findet man nicht nur Unterkunft und volle Verpflegung, sondern auch Hilfe bei allem, was man in Quito anstellen möchte: z.B. einen Sprachkurs finden, einen Ausflug organisieren, die besten Einkaufsmöglichkeiten ausfindig machen… Auch die Reservierung der Inlandflüge oder Busfahrten in den Süden Richtung Klinik übernimmt Mercedes, wenn dies erwünscht ist. Ich hatte mich eine ganze Woche bei den Proaños eingenistet, um mein Spanisch in einem Intensivkurs zu verbessern. Morgens ging ich also in die Schule, danach konnte ich die Stadt und Umgebung erkunden. Quito Quito selbst ist unglaublich; eingezwängt zwischen den Hängen der Hausberge und dem Vulkan Pinchincha streckt es sich in einer Höhe von 2800m fast 50 km in die Länge, das alte Viertel mit einem sehenswerten, teilweise bröckelnden kolonialen Erbe, den Renaissance- und Barockkirchen, Klöstern und Palästen im Süden, im Norden des Hochtals das bürgerliche und moderne Quito, umgeben von chaotisch zugebauten Slumvierteln. Eine brodelnde Stadt voller Widersprüche: neben ultramodernen Geschäften, Bürotürmen und Einkaufszentren die „arme Welt“, die kleinen Läden, Garküchen, Cafés, Reisebüros, Internetcafés, Waschsalons, Straßenhändler, Losverkäufer, Geldwechsler, Schuhputzer..., an Straßen- und Häuserecken die ordentlich bezopften Indígenamädchen und –frauen, das Jüngste im Poncho auf den Rücken gebunden, vor sich den Korb mit Kaugummi, Zigaretten, Schokoriegeln und Kugelschreibern zum Verkauf. Eine Millionenstadt, die ständig unterwegs ist, im Privatwagen, in Tausenden von gelben Taxis und Kolonnen stinkender Busungetüme, die die Straßen in schwarze Qualmwolken hüllen…. Unbedingt zu empfehlen ist eine Fahrt zum berühmten Indígena-Markt von Otavalo nördlich von Quito, der immer samstags stattfindet. Hier soll man die schönsten gewebten Ponchos und andere Teile der Otavaleño-Tracht wie Gürtel, Blusen oder Kopftücher, aber auch Wandteppiche, Reisetaschen, Beutel und Pullover finden. Leider waren die Samstage meine Reisetage, deshalb konnte ich Otavalo nicht sehen, dafür aber den Markt in Saquisilí, eine echte Alternative. Tagebuch „Donnerstag, 27.07. Mit dem Bus gen Süden. Quito hat kein Ende, die Armut außerhalb der Innenstadt unglaublich. Vorbei am Cotopaxi, 5900m hoch, höchster noch aktiver Vulkan der Welt, das Wetter so gut, dass der schneebedeckte Gipfel nicht wolkenverhangen ist, grandios. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt Saquisilí, ohne Markttag wohl ein verschlafenes Nest . Gemüse und Obst in hohen Haufen geschichtet oder in Säcken ein eigener Marktbereich, Hausrat und Kleidung ein anderer - sieht aus wie billigster Flohmarkt -, der kunsthandwerkliche Markt, neben Kitsch die schönsten Webarbeiten, Ponchos, Pullis, Tücher, ach und erst mal die Teppiche! Und zuletzt der Fleischmarkt. Mein Gott, der Müll, dazwischen die Kinder und Hunde, zum Verkauf Schweine, Hühner, Gegrilltes und Gebratenes in viel Öl, Schweinsköpfe, Meerschweinchen, Fisch, Frischfleisch ohne Kühlung, Fliegen – ach nee. (Foto Saquisilí) Die Menschen in ihren Trachten, die die Herkunft des Einzelnen kennzeichnen, klein, zäh, was die alles schleppen! Auf dem Rückweg: kleine Indiofrau, die schwarzen Haare zum Zopf geflochten, darüber der typische schwarze Hut, steigt aus mit kleinem Kind und schwerem Sack (nicht verkaufte Zwiebeln?) mitten im Nichts. Kein Haus weit und breit. Der Fahrer wirft ihr vom Busdach einen großen zusammengerollten Strohteppich runter und reicht noch einen Sack – sieht auch so schwer aus! Himmel, wie soll das gehen?“
Die MissionsstationDie Missionsklinik liegt weit im Süden nahe der peruanischen Grenze in der Provinz Zamora-Chinchipe in einem Tal in 600m Höhe, mit dem typisch feucht-heissen Klima des Amazonas-Gebiets (viel Nebel, immer mal Regen, bei Sonnenschein richtig knalleheiss und immergrün – dort kennt man keine Jahres-, sondern nur Regenzeiten), eingebettet in eine weitläufige, sehr gepflegte und für dortige Verhältnisse luxuriöse Anlage der Missionsstation des Vicariato Apostólico de Zamora. Bewirtschaftet wird sie von Missionsschwestern des Teresitenordens, geleitet von Pater Georg Nigsch, einem gebürtigen Österreicher, der seit 1991 die dortigen Verhältnisse wesentlich beeinflusst und voranbringt. Seiner Initiative ist auch die Entstehung der Klinik 2001 zu verdanken. Leider konnte ich ihn persönlich nicht kennen lernen, weil er während meines Aufenthalts gerade Urlaub machte.
Die Fahrt dorthin war das Abenteuerlichste, was ich jemals erlebt habe. Tagebuch: „Samstag, 29.Juli. Um 5 Uhr klingelt der Wecker, mit dem Taxi zum Flugplatz. Der Flug 7 Uhr ist gecancelt, keine Ahnung warum, um 9 geht’s endlich los. Eine gute Stunde Flug über den Wolken, ab und an ein schneebedeckter Vulkangipfel in Sicht. Die Landung in Catamayo ganz steil im tiefen kurzen Tal, wie mit Notbremse. Mit Sammeltaxi nach Loja zum Busterminal. Falsches Ticket für Bus nach Zamora gekauft, muss im Bus noch mal löhnen, na gut, nur 2,50$, komme sofort ins Gespräch mit Mitreisenden und alle haben Spaß. Toll, dass ich ein paar Brocken kann und ziemlich viel verstehe! In Zamora helfen sie mir, den Bus nach 28 de Mayo zu finden, prima, aber nach einer halben Stunde plötzlich Fahrtende. Raus, Gepäck zusammensuchen und damit rüber über die Brücke des Rio Zamora, die wird gerade repariert. Die Sonne brennt, bin hungrig und durstig, kaufe einem Chico ein Stück Melone ab, gebe mehr als er will, beidseitig große Freude. Auf der anderen Seite Bus gefunden, noch klappriger und niedriger als der letzte, die Straßen noch enger, kurviger und holpriger, Fahrer und Fahrstil noch mutiger – nur gut, dass der Magen nicht rebelliert. Dann endlich das Örtchen Guadalupe, es ist halb vier, kein Mensch auf der Straße, aber nach ein paar Schritten ist schon die ersehnte Hängebrücke (Foto Hängebrücke) zu sehn, die über den Rio Yacuambi zur Mission führt. Ich bin tatsächlich angekommen. Halleluja.“ Der Klinikbetrieb In der Klinik arbeitet ein internationales Team von freiwilligen Mitarbeitern aus 12 Nationen in wechselnder Besetzung und Anzahl vor allem aus Deutschland, den USA und Österreich: (männliche und weibliche) Allgemeinmediziner, Internisten, Chirurgen, Anästhesisten, Augen- und HNO-Ärzte, Gynäkologen, Zahnärzte, Dentalhygieniker und Zahntechniker,. Im Sommer 06 finde ich nur eine kleine Besetzung: die deutsche Zahnärztin Sigrun, die amerikanische Internistin Kristin für die Allgemeinmedizin, und mit Kerstin aus Österreich teile ich zwei Wochen das Zahnlabor. Zum ständigen Personal gehören Germania (versorgt die Patienten mit Brillen), Rita (sitzt im Empfang und verkauft Medikamente), Lida und Maria (Helferinnen am Zahnarztstuhl) und Amanda, die amerikanische Krankenschwester, die Seele der Klinik, die seit Jahren für einen reibungslosen Ablauf sorgt. Die Patienten Die wenigsten Patienten kommen aus Guadalupe selbst, die meisten aus entfernteren Dörfern, wenn es geht mit dem Bus, aus den Bergen allemal zu Fuss. Oft bedeutet das, dass sie schon nachts aufbrechen, um dann am Morgen, wenn die Klinik um 8 Uhr ihre Tore öffnet, eine gute Position in der Warteschlange zu haben. Falls nämlich der Andrang zu gross ist, werden sie auf den nächsten Tag vertröstet und schlafen notfalls irgendwo draussen. Hier leben viele sehr Arme, arm sind vor allem die indigenen Gruppen, die Shuars, die eigentliche Urbevölkerung dieser Gegend, und die Saraguros (da haben die Frauen diesen wunderbaren bunten Perlenschmuck um den Hals). Im Zusammenhang mit den großen Problemen wie Armut, Hunger, Krankheit und Arbeitslosigkeit haben Zahnpflege und Mundhygiene in der Regel keine große Bedeutung; eine Familienzahnbürste ist nichts Außergewöhnliches, geputzt wird mit Salz, Seife oder nur mit Wasser. Zahnwanderungen, Elongationen Zahnkippungen und -rotationen, hervorgerufen durch frühzeitigen Verlust von Milchzähnen oder 6-Jahres-Molaren führen zu ausgeprägten Dysgnathien und Dysokklusionen und stellen den Zahntechniker vor Aufgaben, die nicht immer leicht zu lösen sind. Aufgefallen ist mir, wie häufig junge Frauen mit Frontzahnersatz versorgt werden, nicht nur zur Steigerung des Selbstwertgefühls, sondern auch der Heiratsaussichten. Es gibt keine staatliche Krankenversicherung und eine private ist für die Allermeisten zu teuer. Trotzdem ist die Behandlung nicht kostenfrei. Die Sätze sind aber sehr niedrig: So werden die Leistungen keine Almosen, die Wertschätzung ist hoch und letztendlich braucht die Klinik auch die Einnahmen. Der Arbeit im Labor Die Klinik-Mitarbeiter haben eine normale 40-Stunden-Woche, montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr; um 12 und um 18 Uhr (pünktlich!) steht das Essen im Schwesternhaus auf dem Tisch, immer sehr lecker von den Schwestern zubereitet und von allen gemeinsam eingenommen. Nicht nur beim Essen, auch danach beim gemeinsamen Abwasch wird viel erzählt und gelacht. Der Zahntechniker stellt pro Tag etwa eine Placa her, eine Kunststoffprothese mit Ersatzzähnen, die mit Hilfe von Klammern am Restgebiss gehalten wird und nicht wie bei uns eine Interimslösung darstellt, sondern mehrere Jahre getragen wird. Natürlich variiert die Grösse der Versorgung, da muss nur mal ein Frontzahn ersetzt werden, aber auch eine grössere Arbeit mit 9 Ersatzzähnen ist nicht selten. Das Labor ist mit allem für diese Technik Notwendigen ausgestattet: zwei Arbeitsplätze mit Handstück, Bunsenbrenner, Absaugung Marke Eigenbau, dann Gipstisch, Wasserkocher, Drucktopf, Poliereinheit und Regale und Schubladen für die Materialien, sogar eine eigene Toilette im Nebenraum. Gewöhnungsbedürftig ist der ecuadorianische Gips; und der Kunststoff zieht hier sehr schnell an wegen der Wärme – am Anfang musste ich bei der Basis schon mal nachlegen. Ansonsten lässt es sich in diesem Labor sehr gut arbeiten. Die Zusammenarbeit mit Sigrun Wolmershäuser, die hier schon seit einem halben Jahr praktizierte, war hervorragend, die Abformungen super und besonderes schön für mich war es, wenn ich die fertige Arbeit beim Patienten selbst einsetzen und dann den Spiegel vorhalten konnte…. Ein untypischer Arbeitstag: Tagebuch „Mittwoch, 9. August. Noch keine neue Arbeit da. Mache mich bei Amanda nützlich, rufe Patienten auf (Himmel, sind das lange Namen!), wiege sie, messe Blutdruck und Größe. Das macht Laune! Dann helfe ich Rita noch beim Sortieren und Inventarisieren der Medikamente. Kurz vor Mittag endlich eine Abformung, gleich noch ausgießen. Beim Gang zum Mittagessen schüttet’s wie aus Eimern. Soyla hat gekocht, superlecker. Siesta in der Hängematte. Modelle einstellen, 4 Klammern biegen, grrr, der eine Appendix, 6 OK-Frontzähne aufstellen, Vorwall machen. Der kleine Enrico schaut wieder zu, will auch mal Techniker werden oder vielleicht lieber Fußballstar. Lida bringt noch 2 neue Arbeiten, alle ausgießen, Schluss für heute.“ Die Residencia Das Wohnhaus für die Mitarbeiter, die sogenannte Residencia, thront über der Klinik und ist wunderschön. Einzel- und Doppelzimmer, einfach und geschmackvoll eingerichtet, jeweils mit Bad/Toilette (meistens ist Wasser und Strom da, dann kommt richtiges warmes Wasser – welcher Luxus in dieser Region!), Gemeinschaftswohnraum, Küche fürs Frühstückmachen (die Lebensmittel dafür liefern die Schwestern), unten ein PC mit Internet-Anschluss, eine kleine Bibliothek mit deutscher, spanischer und englischer Literatur, eine Kammer mit Gummistiefeln (die braucht man, wenn man draussen unterwegs ist) und eine Waschmaschine, die allerdings nur kalt wäscht. Ganz besonders schön und beliebt ist die riesige Terrasse, die einen phantastischen Blick ins Tal bietet. Am großen Tisch trifft man sich zum gemeinsamen Frühstück und zum Klönen am Abend, in der Hängematte kann man ganz wunderbar lesen oder auch nur abhängen. Wenn man glaubt, man sei mal alleine auf der Terrasse – irgendein Besuch der anderen Art kommt bestimmt, vielleicht ein wunderschöner Schmetterling oder eine Riesenheuschrecke oder ein anderes merkwürdiges Insekt oder ein Schwälbchen… Es wird sehr früh sehr schnell sehr dunkel. Dann kehrt eine ganz ungewohnte, paradiesische Ruhe ein, unterbrochen nur von Vogelrufen, Froschgequake und Grillenzirpen und manchmal von Musikfetzen, die aus Guadalupe über den Fluss wehen. Und dann der Sternenhimmel und die Milchstrasse! So schön und nah hab ich die Sterne nur in Guadalupe funkeln sehn! Die Freizeit Wochenende, was tun? Vielleicht Fußball spielen mit den Schwestern und danach ein Bad im Rio Cantzama - herrlich klares Wasser, schön kalt und erfrischend -, oder vielleicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur nahe gelegenen Froschfarm (selbstverständlich mit Froschschenkelessen, oder?), oder lieber ein kleiner Ausritt mit dem Pferd, oder vielleicht mit dem Bus zu den näher gelegenen Städtchen wie 28 de Mayo oder Zamora oder sogar mal nach Loja? Oder gar im Podocarpus National Park südlich von Zamora und Loja, einem traumhaften Wochenendziel, auf die Pirsch nach Papageien und Kolibris, Bären und Pumas gehen und in einem Holzhaus auf Stelzen übernachten? Und das ist nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten! Sie sehen, es gibt viel zu erleben in und um die Missionsstation „Nuestra Señora de Guadalupe“. Als ich nach vier Wochen Ecuador wieder im Flieger Richtung Heimat saß, bedauerte ich doch sehr, so kurz nur in der Klinik gearbeitet und so wenig vom Land gesehen zu haben, das mit einer unglaublichen Vielfalt an Landschaften, Menschen und Kulturen verzaubert. Um Ihr Interesse auch für das Land selbst zu wecken, möchte ich noch ein paar allgemeine Bemerkungen anschließen. Das Land La Mitad del Mundo, die „Mitte der Welt“, der Äquator, die imaginäre Linie, die die nördliche Erdsphäre von der südlichen teilt, gibt dem Land seinen Namen. Ecuador ist nur etwa so groß wie die alte Bundesrepublik, gelegen im Nordwesten Südamerikas, umgeben von Kolumbien im Norden, Peru im Osten und Süden und im Westen vom Pazifik und vereint vier ganz verschiedene Welten. Galápagos, das Inselarchipel 1000km vor der Küste Ecuadors, mitten im Pazifik, ein (leider gefährdetes) Paradies mit einer Tier- und Vogelwelt, die keine Scheu zeigt, bekannt durch Aufnahmen von vorsintflutlich anmutenden Riesenechsen, zutraulichen Seelöwen und „Lonesome George“, dem letzten Hinterbliebenen einer besonderen Riesenschildkrötenart, ein lebendes Museum der Evolution (hier hat Darwin seine Evolutionstheorie entwickelt!). Die Costa, das Flachland: von unzähligen Flüssen bewässerte fruchtbare Ebenen mit Bananen-, Kaffee-, Kakao-, Blumenplantagen, Garnelenzucht, Mangrovenwälder, herrliche Palmenstrände, verlassene Piratenbuchten, ruhige Fischerdörfer, die tropische Hafenstadt Guayaquil. Die Sierra, das Andenhochland, nach Osten und Westen eingerahmt von zwei Gebirgszügen, den Kordilleren, mit einem Dutzend schneebedeckter Gipfel (u.a. dem Chimborazo mit 6300m Höhe), von A.v.Humboldt „Straße der Vulkane“ genannt, im Norden die brodelnde Hauptstadt Quito in fast 3000m Höhe, der von der Unesco der Titel „Weltkulturerbe“ zugeteilt wurde, im Süden Loja, die Stadt der Dichter, Musiker und Liedermacher. Ost- und Westzug der Kordilleren durch Querriegel verbunden wie Sprossen einer Leiter, Quellflüsse, die sich in schroffen Durchbruchstälern ihren Weg zum Pazifischen Ozean oder zum Amazonas und damit zum Atlantischen Ozean bahnen. Östlich des Hochlands der Oriente, das Amazonas-Tiefland, die grüne Lunge des Planeten, ein wild wucherndes Treibhaus aus Flora und Fauna, jahrhundertealten Urwaldriesen im feuchtheißen Regenwald, die artenreichste Region der Welt (allein ca. 1600 Vogelarten, das sind etwa 10% aller Vogelarten dieses Planeten!) mit Jaguar und Puma, Brüllaffe und Brillenbär, Kaiman und Piranha, Orchideen, Schmetterlingen, Fröschen…. Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Artikel dazu beitragen könnte, weitere engagierte Zahntechniker zu gewinnen, die dieses Projekt unterstützen. Laut aktuellem Stand der offenen Stellen in der Klinik mangelt es dieses und nächstes Jahr nicht an zahnärztlicher, wohl aber monatelang an zahntechnischer Versorgung in Guadalupe. Bienvenidos al Ecuador! Maintal, August 2007 Barbara Taubert Tel.: 06109 – 379703 Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage von Padre Georg Nigsch unter www.guadalupe-ec.org.
Kontaktadresse für Arbeitsaufenthalte: Zahnarzt Marcel Zöllner Tel.: 07141 – 7964804 |
Das dental labor, LV, Heft 11, 2007


